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Die kleinen Dinge des Lebens...

Das Leben ist kurz, weniger wegen der kurzen Zeit, die es dauert, sondern weil uns von dieser kurzen Zeit fast keine bleibt, es zu genießen.

J.-J. Rousseau

„Wann war ich das letzte Mal wirklich glücklich?“ – Wenn wir uns diese Frage stellen, verbinden die meisten von uns die Antwort mit einem bestimmten Erlebnis:  die letzte Gehaltserhöhung, der Moment, in dem wir unser neues  Auto zum ersten Mal ausfuhren oder aber der Tag, an dem wir unsere/n PartnerIn kennenlernten bzw. wir uns gegenseitig unsere Gefühle offenbarten.

 – Ebenso geht es vielen, wenn wir uns fragen, wann wir erwarten, das nächste Mal glücklich zu sein. Sei es für Kinder dieses eine, ganz bestimmte Geburtstagsgeschenk, nach dem sie sich sehnen, oder für Erwachsene die nächste Beförderung, auf die sie schon so lange hinarbeiten. Für einige von uns wird es vielleicht beim nächsten Date sein und der aufregenden Zeit, wenn man sich frisch verliebt.

Doch was ist mit der Zeit dazwischen? Wie lautet unsere Antwort, wenn wir uns fragen: „Bin ich jetzt glücklich?“

Jean-Jacques Rousseau war als Schriftsteller und Philosoph nicht nur wichtiger Wegbereiter der Französischen Revolution, sondern zeigte mit seiner ethischen Grundauffassung auch Wege auf, die Verhaltensforscher und Psychologen noch heute bei der Erforschung der Frage aufgreifen, was Menschen wirklich und dauerhaft glücklich machen kann: Statt allgemeingültige Regeln aufzustellen, zeigte er, welches Interesse der Einzelne daran hat, im Sinn der Gemeinschaft zu handeln.

Das Phänomen der hedonischen Anpassung

Die meisten Menschen haben ein Ziel vor Augen und arbeiten mit all ihrer Kraft daran, es endlich zu erreichen. Haben wir es dann erreicht, führt dies zu einer Zunahme unseres Glücksempfindens. Wir fühlen uns glücklich – leider oft nur vorübergehend. Letztlich jedoch finden wir uns in der gleichen Ausgangssituation wieder und sind ebenso glücklich (oder auch unglücklich) wie zuvor. Das lässt uns nach kurzer Zeit dem nächsten Ziel zustreben: Wir wenden erneut viel Zeit und Energie auf, um es zu erreichen und einen neuen Moment des Glücks erleben zu dürfen.

Dieses Phänomen wird von Verhaltensforschern „hedonische Anpassung“ genannt und hat durchaus seine Vorteile. Zum Einen spornt es uns an, uns immer neue Ziele zu setzen, uns weiter zu entwickeln und Neues zu entdecken. Zum Anderen funktioniert es bei negativen Ereignissen als Selbstheilungsmechanismus. Denn auch nach Rückschlägen und Enttäuschungen finden wir uns irgendwann in der Ausgangssituation wieder und lernen, uns mit negativen Erlebnissen abzufinden.

Das erklärt, warum wir uns leider ebenso an positive Erlebnisse gewöhnen, warum also nach kurzer Zeit das Glück, das wir eben noch so intensiv empfunden haben, verschwunden ist.

Der Kampf gegen die Gewöhnung

Wenn es sich bei der „hedonischen Anpassung“ also um einen ganz natürlichen und teilweise nützlichen Mechanismus handelt, bedeutet das, dass wir diesem hilflos ausgesetzt sind? Können wir unsere Zufriedenheit gar nicht nachhaltig steigern?

Ja und nein.

Natürliche Prozesse werden immer auf uns wirken, unser Denken, Handeln und Fühlen beeinflussen. Wenn wir ihnen nicht aktiv entgegentreten, sind wir ihnen tatsächlich ausgesetzt. Ihren größten Einfluss haben sie jedoch, wenn sie ganz unbewusst wirken. Das wiederum gibt uns die Chance, ihnen etwas entgegenzusetzen: der erste Schritt dabei ist, bewusster zu leben.

Sehen wir positive Ereignisse oder Schicksalswendungen als selbstverständlich an, werden wir sie nicht wertschätzen können. Lassen wir uns unsere Ziele von außen bestimmen, streben wir also z.B. nach mehr Einkommen oder Anerkennung, statt uns von der eigenen Neugier oder unserer Selbstachtung leiten zu lassen, werden uns weder das Erreichen dieser Ziele noch der Weg dahin glücklich machen. Auf dem Weg zu unserem nächsten Ziel übersehen wir die vielen Möglichkeiten, die sich täglich bieten, um im „Sinn der Gemeinschaft“ zu handeln, wie Rousseau vorschlug. Oder einfacher formuliert: anderen und damit auch uns selbst kleine Glücksmomente zu ermöglichen.

Wann haben wir zuletzt inne gehalten und einfach nur einen Sonnenuntergang genossen? Wann uns über einen guten Kaffee gefreut, ein schönes Buch oder die Tatsache, dass wir in Freiheit und Wohlstand leben dürfen? Für die meisten ist das leider hierzulande zu einer Selbstverständlichkeit geworden, dabei ist allein das unbeschreiblich kostbar.

Wann haben wir das letzte Mal unseren Sitzplatz in der U-Bahn für jemand anderen freigemacht? Wann ungefragt Hilfe angeboten? Wann unserer/m PartnerIn, Familienmitgliedern oder anderen Menschen, die uns nahe stehen, eine kleine Freude bereitet, ohne dass es eines besonderen Anlasses bedurfte?

Um ein glücklicheres Leben zu führen, ist es wichtig, sich nicht nur von „Etappe zu Etappe zu schleppen“, sondern die Augen offen zu halten, für all die kleinen Wunder, die einem auf dem Weg begegnen.

Bei allem Handeln und Streben sind sie es, die den Unterschied machen. Sie kosten in der Regel kein Geld oder nur wenig. Das einzige, was notwendig ist,  ist sich ihrer  Bewusst zu werden.

 

Quellen:

Frederick, S., & Loewenstein, G. (1999). Hedonic adaptation. in: Well-being: The foundations of hedonic psychology. D. Kahneman, E. Diener, N. Schwarz (Eds.). New York, NY, US: Russell Sage Foundation, xii, 593 pp.

Papies, E. K., Barsalou, L. W., & Custers, R. (2012). Mindful attention prevents mindless impulses. Social Psychological and Personality Science, 3(3), 291-299.

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